Es ist und bleibt rätselhaft, was bei den Menschen heutzutage die größte Bedeutsamkeit einnimmt. Für manche mag es Familie oder Freunde, ja die Gemeinschaft sein. Manch andere legen vornehmlich Wert auf ein hohes Ansehen, oder messen der eigenen Würde eine höhere Priorität bei. Aller Wahrscheinlichkeit nach wären eigenes Wohlergehen und Wohlstand oder das jener, welche einem nahe stehen, als relevant anzunehmen. Doch das Streben danach könnte auch mit unüberwindbaren Hürden einhergehen. Hürden, die aus dem Weg geschafft werden müssen, um zum Ziel zu gelangen. Ist der Mensch hierbei bereit über Leichen zu gehen? Ausgehend von diesen Überlegungen stellt sich die Frage, wie sich in Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie Der Besuch der alten Dame Wohlstand und Wohlergehen der Allgemeinheit mit Würde und Menschlichkeit vereinen lassen.
Die Geschichte spielt sich in dem, aufgrund seiner heruntergekommenen Konjunktur völlig verarmten und verwahrlosten Ort, Güllen, ab. Das kulturelle und politische Leben ist stillgelegt. Die Bewohner der Gemeinde leben von der Arbeitslosenunterstützung und der Suppenanstalt. (Vgl. S.13-15) In dieser aussichtslosen Lage lässt der angekündigte Besuch einer Milliardärin, Claire Zachanassian, Hoffnung schöpfen. Hierbei handelt es sich um Klara Wäscher, welche vor etwa fünfundvierzig Jahren die Gemeinde Güllen unter unrühmlichen Umständen verlassen musste. Aus dem Gespräch über die Materialsammlung für die Begrüßungsrede geht eine krampfhafte Bemühung hinsichtlich der Suche nach lobenden Charaktereigenschaften Claires hervor. Der Bürgermeister, der Lehrer, der Pfarrer und Alfred Ill, ihr Jugendfreund bereiten eine schmeichelnde Überredungsstrategie vor, um die Reiche für eine großzügige Spende zu gewinnen. Dabei wird auf die Mithilfe Ills gesetzt: „Die Zachanassian soll mit ihren Millionen herausrücken.“ (S.19) Ein aufwendiger Empfang ist im Gange. Doch nach einem herzlichen Willkommen einer Mitbürgerin sieht es nicht aus: Es geht nur darum, dass sie die Gemeinde finanziell unterstützen möge.
Nachdem sie sich für die empfangenen Freuden bedankt, kündigt sie im Wirtshaus zum „Goldenen Apostel“ ihre Bereitschaft an, „Güllen eine Milliarde zu schenken. Fünfhundert Millionen der Stadt und fünfhundert Millionen verteilt auf alle Familien.“ (S.44)
Für diese Großzügigkeit stellt sie aber eine Bedingung: ihre Gerechtigkeit zu kaufen. (Vg. S.45) Die Verblüffung der Güllener klärt Claires Butler, Boby, auf, welcher 1910 als Oberrichter bei der Vaterschaftsklage der Klägerin, Klara gegen Ill ein falsches Urteil fällen musste. Grund hierfür waren die falschen Aussagen zweier von Ill bestochener Mitbürger. Diese gaben an, sie geschwängert zu haben. Dass diese Geschichte sie nicht in Ruhe ließ, zeigt ihr Vorgehen mit den damaligen Zeugen. Diese hat sie weltweit suchen, kastrieren und blenden lassen und nun zu ihren Gefolgsleuten, Koby und Loby gemacht. (Vgl. S.46f) Diese Tat, verkündet von den beiden selbst, soll einerseits den Güllenern Angst machen, Claire als Rachsüchtige darstellen, andererseits zeugt es von der Wut, welche sie in sich trägt. Sie ist zurückgekehrt und will Gerechtigkeit: „Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet.“ (S.49) Sie weiß, dass sie es nur gegen Bezahlung erreichen kann; deshalb betont sie: „Ich kann sie mir leisten.“ (Ebd.) Ist es moralisch vertretbar, den Tod eines Menschen zu verlangen, nur weil man über finanzielle Mittel verfügt?
Dieses Verhalten legt die Vermutung nahe, dass Claire die „Böse“ in dieser Geschichte sein soll. Doch dadurch, dass die Rolle des „Bösewichts“ über die gesamte Handlung hinweg immer verschwommener wird, dürfen keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Aufgrund der instabilen Charaktere erweist sich eine Sympathieempfindung für irgendeine Figur als schwierig.
Wir haben in dieser Handlung zum einen den Protagonisten Alfred Ill, welcher in der Vergangenheit zunächst eine junge und verliebte Claire ausnutze. Nachdem sie von ihm schwanger wurde, gerichtlich die Anerkennung der Vaterschaft einklagte, musste sie seine niederträchtige Verlogenheit feststellen: Er besticht zwei Güllener mit einem Liter Schnaps und stiftet diese zur Falschaussage an. Das Urteil fällt zu Klaras Ungunsten aus. Ill entzieht sich somit jeglicher Verantwortung. Sie wird anschließend von den Mitbürgern verachtet und auf perfide Art und Weise in der Gesellschaft zur „Dirne“ degradiert. Nun soll er für dieses moralische Vergehen mit dem Leben bezahlen.
Auf der anderen Seite haben wir eine Dame, welche über Jahre hinweg ihre Vergeltung an Ill und seinen Komplizen, die in den Verrat an ihr verwickelt waren, akribisch plant. Doch das genügt ihr nicht, auch die Güllener werden zum Ziel ihrer Rache. Ohne deren Wissen kaufte sie vor Jahren alle Industriebetriebe auf und legte sie still, um die Konjunktur der Stadt systematisch zu zerstören.
Im zweiten Akt beginnen die Einwohner sich diverse „Luxusobjekte“ anzuschaffen, trotz ihrer mangelnden finanziellen Mittel. Dieser plötzliche „Wohlstand“ entgeht auch Ill nicht: Verwundert muss er feststellen, dass alle neue gelbe Schuhe tragen und auch in seinem Krämerladen exklusive Waren anschreiben lassen. Sogar Ills Familie beginnt mit der Zeit kostspielige Anschaffungen zu tätigen. Seine Frau ist im Besitz eines Pelzmantels, seine Tochter nimmt Fremdsprachen- und Tennisunterricht, studiert sogar Literatur und sein Sohn fährt ein Auto. Verkehrte Welt.
Das neue Konsumverhalten der Bürger der Gemeinde steigert Ills Misstrauen. Verdächtig und angsteinflößend erscheinen ihm auch zwei in seiner unmittelbaren Nähe gefallende Schüsse, welche angeblich einem ausgebrochenen Panther gelten sollen. (Vgl. S.76) Wenige Augenblicke zuvor warnt ihn der Pfarrer vor seinen Mitmenschen, denn den Bürgen einschließlich seiner selbst wird es nicht gelingen dem Reichtum zu widerstehen, weshalb er Ill auch zur Flucht rät. (Vgl. S.75f)
Der anschließend von Ill unternommene Fluchtversuch scheitert: Seine Mitbürger bedrängen ihn derart, dass er sich nicht mehr traut den Zug zu besteigen, welcher ihn in Sicherheit hätte bringen können. Diese sprechen ihm sogar zu, dass er einfach hätte gehen können, jedoch ist Ills Verzweiflung bereits soweit fortgeschritten, dass er sich sicher ist, dass man ihn zurückhalten würde. (Vgl. S.83-85)
Vermutlich wissen sie, dass sie Ill mental bereits gebrochen haben und gehen davon aus, dass er nicht länger widerstandsfähig sein wird. An diesem Punkt ist längst klar, dass Ills baldiger Tod bevorsteht. Die Verlockung reicht jedenfalls aus, um die Würde und mentale Unversehrtheit eines Einzelnen mit Füßen zu treten. Man könnte es aus der Sicht der Gemeindemitglieder als ein Opfer des Einzelnen zum Wohl der Allgemeinheit bezeichnen. Bisher hat jene Verlockung von Reichtum und Wohlstand noch nicht dazu geführt, dass ein Einzelner sich traut, Ills Leben zu beenden. Stattdessen wird der Protagonist im Kollektiv bedrängt und um ihn herum häufen sich die Anzeichen, dass Güllen dem wiederkehrenden Reichtum verfallen wird.
Mit dem Beginn des dritten Aktes der tragischen Komödie, tritt anstelle Ills panischer Verzweiflung zunehmend eine Schicksalsergebenheit. Währenddessen erlebt seine Gemeinde immer mehr den Aufschwung: Die Läden stellen wieder Personal an, unter anderem auch das Geschäft der Familie Ill. Seine Familie scheint die Situation um Ill mittlerweile in Gänze zu ignorieren und beteiligt sich sogar am Aufschwung des Ortes.
Der Bürgermeister ist das beste Negativbeispiel, wie die Verlockung von Reichtum einem die Menschlichkeit rauben kann. Nachdem er anfangs noch „[i]m Namen der Menschlichkeit“ (S. 50) das Angebot Claires kategorisch ablehnt, ändert sich seine Einstellung bald. Er besucht Ill in seinem Laden, um sich zu vergewissern, dass dieser bei einer Gemeindeversammlung anwesend sein wird. Eindringlich redet er ihm ins Gewissen, Selbstmord zu begehen: „Es wäre doch nun eigentlich Ihre Pflicht, mit Ihrem Leben Schluss zu machen, als Ehrenmann die Konsequenzen zu ziehen, finden Sie nicht?“ (S.108) Somit würde die Notwendigkeit des Gemeindegerichts entfallen. Ill stellt seine Schuld nicht in Abrede, lehnt jedoch einen Selbstmord ab. Stattdessen will er sich dem Urteil der Gemeinde unterwerfen und entgegnet dem Bürgermister: „Für mich ist es die Gerechtigkeit, was es für euch ist, weiß ich nicht.“ (S. 109) Damit entlässt er die Gemeinde nicht aus der Verantwortung.
Am Ende kommt Ill vor versammelter Presse in einer Menschenmenge aus Mitbürgern ums Leben. Wie er wirklich stirbt, bleibt in der Geschichte unklar: Der Arzt spricht von „Herzschlag“, der Bürgermeister verbrämt durch den Ausdruck: „Tod aus Freude.“ (S.130)
Güllen erhält die von Claire versprochenen Zuschüsse, ohne einen wirklich sichtbaren Funken Reue über die Ermordung eines ehemals hoch angesehenen Mitglieds Ihrer Gemeinde.
Das Stück hat gezeigt, dass Würde und Menschlichkeit bei genügend finanziellem Anreiz zweitrangig wird. Mögen die Güllener den Mord an Ill rechtfertigen, indem sie sich einreden einen Schuft, welcher für seine Gräueltaten nie gebüßt hatte, zur Rechenschaft zu ziehen, so stellt sich die Frage, ob sie auch ohne die Milliarde diesen Akt vollzogen hätten.
In Claire Zachanassian Verhalten beobachtet man wie eine Einzelperson mit viel Geld und Einfluss eine Gruppe von Menschen ihrer Würde beraubt und sie zu einem Kollektiv formt. Ein Kollektiv, welches sich gegen eines seiner Glieder wendet. Ein Kollektiv, welches den Einzelnen opfert, um der gemeinsamen Notlage zu entfliehen.
Bibliographie
Dürrenmatt, Friedrich: Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie. Neufassung 1980. Werkausgabe in siebenunddreißig Bänden. Band 5.






